Italo-Disco

Vor über 30 Jahren war Italo-Disco in Basel populär. Die melodischen Electropop-Beats lockten in der Kultdisco XENON begeisterte Publikumsscharen an. Währenddessen fanden fanden DJs und Followers im Plattenlanden SOUNDBOX zusammen. Dort traf wöchentlich frisch gepresstes Vinyl aus Mailand ein.

Italo-Disco ist eine unverwechselbare Musikform der Achtziger, ein Derivat der britischen New Wave- und Synthiepop-Bewegung. Der neuartige Sound aus England inspirierte junge Musiker in Norditalien, dort entstand in den frühen 1980er-Jahren eine lebhafte elektronische Underground-Musikerszene.

Die kalten, düsteren Klänge englischer New Wave wurden von italienischen Synthiemusikern in einen coolen, tanzbaren Sound mit eingängigen Melodien verwandelt. Während die Texte der Briten von verregneten Strassen und Angstgefühlen erzählten, dominierten bei Italo-Disco die Themen Romantik und Nachtleben.

„Hot love in the moonlight, dancin‘ in the bay, can’t remember last time, I saw the light of day“

Und Italo-Disco reflektierte sehr gut den Zeitgeist dieser unbeschwerten „dolce vita“.
Die dunklen, von Terrorismus und sozialen Unruhen überschatten 1970er waren vorbei. Italiens Wirtschaft befand sich im Aufschwung: Ab 1983 begann die Inflation deutlich zu sinken, zugleich erlebte das Bruttoinlandprodukt einen rasanten und starken Anstieg.
Im modernen Norditalien wirkte eine innovative Treibkraft, der Dienstleistungssektor boomte. Die in diesem Bereich tätigen Unternehmen verzeichneten zwischen 1981 und 1991 einen Zuwachs von 69%, der Industriesektor hingegen ein mageres 0.5%.

Die Lombardei etwa, war der ideale Nährboden für Modeschöpfer, Designer, Musik- und Werbeschaffende. Aber insbesondere für private Radio- und Fernsehmacher. Letztere entwickelten sich zu äusserst erfolgreiche Medienunternehmer, die von ihnen ausgehende Unterhaltungsindustrie beschleunigte in den 1980er die amerikanisierung der italienischen Kultur. Die Kreativwirtschaft etablierte sich in Mailand, die Stadt war das Mekka einer Generation von Kreativköpfen und optimistischen Selfmade-Männern. Die Region mutierte zum globalen Wirtschaftsplayer und distanzierte sich sowohl gesellschaftlich wie auch politisch, vom römischen Machtkarussell und dem mafiösen DNA Süditaliens.

Ein weiterer Hotspot dieses positiven Unternehmertums  war die Küstenregion der Emilia-Romagna. In der Gegend um Riccione eröffneten zahlreiche Clubs, bestehende Nachtlokale passten sich der neuartigen elektronischen Musikszene an. Das Tanzen und Feiern unter Strobolichtern gehörte von nun an zur neuen Ausgehkultur Italiens, dabei wurde die Riviera Romagnola zur italienischen Dancefloor-Zone deklariert.

Italo-Disco war das musikalische Symbol dieser (nord)italienischen Achtziger, verknüpfte britischen Synthiepop mit mediterranen Flair und amerikanischer Popkultur. Passte also perfekt zu einer Nation, die vor Vitalität und Lebensfreude nur so strotzte.

„Wir liebten die italienische Discomusik damals, denn die Gruppen sangen zwar auf Englisch, aber es klang immer etwas falsch.“ Neil Tennant, Pet Shop Boys

Die jungen, elektronischen Musikmacher aus diesen aufstrebenden Gegenden Italiens, welche sich mit viel Leidenschaft und Spürsinn der Produktion von Italo-Disco widmeten, lieferten ohne Starallüren einen wertvollen Beitrag zur europäischen Popmusikgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Text: Bruno Gullo © xenonmusic

 

Dirty Talk from Easton West on Vimeo.

Dirty Talk explores how one Italo Disco hit birthed a seminal influence on early house as it emerged from disco taking global club culture by storm in the 70s and 80s.

Commissioned by Boiler Room. Director: Easton West